z.B. Freiheit

Szenario eins war gut gelaufen, die Rolle vorwärts in den Tag gelungen. Alles in mir hatte sich ohne Wecker zum Augenaufschlag und Wachbewußtsein mobilisiert, meine Füße hatten den Boden neben dem Bett gefunden, die Kraft war da, mich zu erheben, meinen Lieblingskaffee zu kochen, mit der ersten Zigarette bis zum Sitzen am Schreibtisch vor dem Laptop zu warten.
Die Frage: „wer bin ich?“ ließ sich leicht mit: „heute bin ich ein Augenblick“ beantworten, ich war guter Dinge die Rolle rückwärts in Szenario zwei, die Leibesübungen mit anschließender Entspannung ebenfalls mit Leichtigkeit zu bewältigen, und mich an Kraft und Geschmeidigkeit meines Körpers zu erfreuen.
Die Neugier auf das Entspannungsgeschehen in der Welt zwischen Bewusstheit und nicht, auf unkontrollierte Bilder, unbemerkbares Abtauchen und Auftauchen war groß, die Frage um was es eigentlich geht noch ebenso wenig beantwortet, wie die Frage, wie ich meine Sexualität lebe, als ich jemandem die Tür öffnete.
„Wer bist du?“ fragte ich.
Keine Antwort.
„Kaffee?“
„Ja. Gerne.“ sagte er.
„Und Du?“ fragte er und schaute sich bei mir um, während ich den Kaffee machte.
„Ich?“ fragte ich - stolz, eine gute Antwort zu wissen. „ Heute bin ich ein Augenblick.“
Er schaute mich an, kippte den Zucker direkt aus der Dose in den Kaffee, rührte um, trank einen Schluck.
„-S“ sagte er, – schnippte drei mal mit den Fingern und sagte: „- E - R?“
Das hörte sich nach einer Frage an.
„Wer?“ fragte ich.
„Du.“ sagte er.
„Was? fragte ich.
„- S“ sagte er, schnippte drei mal mit den Fingern und sagte: „-E -R?“
„Ich verstehe dich nicht.“ sagte ich.
„- S“ wiederholte er, schnippte drei mal mit den Fingern und sagte: „ – E - R? - Ein Augenblick bist Du?“
„Habe ich doch gesagt,“ gab ich zur Antwort, ein bisschen genervt.
„Ja. Und...“ wieder schnippte er drei Mal mit den Fingern...“frage - D“, schnippte dreimal mit den Fingern – „ob du  - S...“ sagte er, schnippte drei mal mit den Fingern und fuhr fort „- E - R bist“
„Nein, - ER - bin ich nicht.“
„Na, also“ sagte er mit einem gegen meinen Willen wirklich betörenden Ausdruck im Gesicht.
„Wer bist du?“ wiederholte ich meine Frage.
Er schnippte drei Mal mit den Fingern und sagte: „bin ein Freund und rauche - N“, schnippte dreimal mit den Fingern...“- T“
„Tee?“ unterbrach ich, und verfiel in eine Art mit ihm zu reden wie mit einem Dummkopf: „Kaffee nicht gut? Tee besser?“
„Quatsch!“ stieß er hervor und stand auf.
„Gehe jetzt“, sagte er wütend, „Von wegen Augenblick.“
Er ging wirklich und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Arschloch, dachte ich.

Szenario drei war ohnehin für freie Gestaltung reserviert und so machte ich ihn nach.
„- S“ sagte ich, schnippte drei mal mit den Fingern und sagte: „- E - R? - Und...“ wieder schnippte ich drei Mal mit den Fingern...“frage  - D“, sagte ich, schnippte dreimal mit den Fingern – sagte: „ ob du S...“ sagte ich, schnippte drei mal mit den Fingern und fuhr fort „ - E - R bist.“
Dann ließ ich das Finger schnippen weg und hörte mich sagen: „Bin ein Freund und rauche EN-TE.“

Szenario vier war der Versuch wieder in Kontakt mit der Welt zu gehen. Ich verließ meine Wohnung und zog die kalte Märzluft tief in meine Lungen, freute mich an dem Fallen der Sonne auf den Platz, als er plötzlich vor mir stand.
„Verwirrt?“ fragte er.
„Ja.“ sagte ich. „Hast du auf mich gewartet?“
Bevor er antworten konnte nahm ich seine Hände in meine, um Fingerschnippen zu vermeiden.
„Ja.“ sagte er.
„Willst du loslassen?“ fragte er mit Blick auf meine Hände, die seine umklammerten.
„Verzeihung“, sagte ich und ließ los.
„Macht - N“ und er schnippte dreimal mit den Fingern – T – S.“

Szenario fünf widmete ich der Beantwortung der Fragen, um was es eigentlich geht – Freiheit, kam mir in den Sinn, und wie ich meine Sexualität lebe -  mit einem vertrauten Fremden, der sein Ich durch ein Fingerschnipsen ersetzt und mir die Sicherheit gab, zu sagen: heute bin ich ein Augenblick.

 

 

Dinge mit denen ich nicht rechne                                                    
Es gibt Dinge mit denen ich nicht rechne, eine Grille auf der Yogamatte zum Beispiel. Samstagmorgens um halb zehn. Sitzt sie da, hockt sie da auf der zusammengerollten Matte, die an der Wand lehnt. Wie immer. Damit habe ich nicht gerechnet. Eine Überraschung, nicht willkommen. Plötzlich habe ich Angst. Wie sie da so sitzt wirft sie viele unerwartete Fragen auf: wie kam sie dahin? Wann? Was habe ich nicht mitbekommen? Kam sie in der Nacht? welchen Weg nahm sie? Über mein Bett? Über mich in der Nacht, schlafend? Und wohin mit ihr?
Ich hole den Schrubber mit dem Holzstiel, nicht als erstes, als erstes ziehe ich mir einen dicken Pullover an. Die Sache mit der Grille in den Griff zu kriegen mit nackten Armen scheint spontan schlichterdings unmöglich. Der dicke weiße Winterpullover, den die abendlichen Augusttemperaturen schon angemessen erscheinen lassen. Dann hole ich den Schrubber, stoße die Yogamatte an, rechne mit Grillensprüngen in alle möglichen, vor allen Dingen in meine Richtung und bin selbst auf dem Sprung, mich in Sicherheit zu bringen vor diesem Tier. Die Yogamatte kippt um und das Tier landet ohne Sprung auf dem Dielenboden, irgendwie schläfrig, wahrscheinlich habe ich sie geweckt. Sie bewegt sich nicht. Ich denke an draufhauen, aber mit was? Denke an das Geräusch von draufhauen und töten und das Bedürfnis mich zu schütteln während der Tat und danach, und das um Verzeihung bitten bei wem auch immer wegen dieser albernen Angst vor solchen Tieren. Ich hole ein Glas aus der Küche, hoffe die Grille wird verweilen und nicht wegspringen, und nicht mehr da sein, wenn ich zurückkomme und mir die ganze Yogaruhe und – Konzentration klauen, weil ich versuchen würde sie zu finden. Reagieren Grillen nicht auf Schritte, Vibrationen des Bodens und springen davon? Ich nähere mich mit dem Glas. Sie springt, aber nicht weit, nur ein kleiner Hüpf und ich beginne zu reden mit ihr. Haben Grillen Ohren? Ich gehe davon aus, dass sie eine Frau ist. Was sie denn bei mir wolle? Sie klettert auf mein Laptopnetzteil und bleibt da sitzen. Ich stülpe das Glas über sie und das Netzteil, das gar nicht unter das Glas passt. Es ist ein Versuch. Eine Mutprobe. Sie springt gleich hoch im Glas. Ich ziehe das Netzteil unter ihr weg. Gut. Gefangen. Beruhigend. Jetzt nur noch aus dem Fenster kriegen, das habe ich schon ganz geöffnet und mit dem Gummistopfen arretiert, damit es nicht gemächlich sich wieder schließt, habe mich schon zwischen meiner ausladenden Zimmerpflanze und dem Bett vorbeibewegt mit leicht eingezogenem Bauch, um der Zimmerpflanze nichts zu tun. Dann schiebe ich eine DIN A 5 Karte unter das Glas, knicke sie an den Seiten hoch, trage die Grille im Glas auf größtmöglicher Distanz gehalten an den hoch geknickten Seiten der 200Gramm Büttenpapierkarte zum Fenster und schüttele sie heraus, sehe sie weder fallen, noch hüpfen, lasse die Karte auf dem Sims liegen, das Glas auf dem Sims stehen, schließe das Fenster und überlege, ob ich aus dem Grillenglas weiterhin meinen Tee trinken mag. Es gibt keine Spülmaschine in der Wohnung. Spülmaschinen traue ich eine durchaus höhere chemische Reinigung und Spurenvernichtung zu, als meinem Spülen von Hand. Jeder andere könnte das Glas nehmen, könnte Milch einschenken und sie trinken, ohne an Grillenvergiftung zu sterben.

 

 

 

Entschuldigen Sie

Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen ihr Wasser abkaufen? Ich lag mit dem Buch in der Hand, das Buch gegen die Sonne und schaute nach rechts. Kurz zuvor war er mit einer Frau gekommen, im Vorübergehen hörte ich ihn sagen: „wir können uns ein bisschen hierher setzen, was meinst du?“  „Gerne.“  Er zog sogleich das Hemd aus, das er offen über dem T-Shirt und der Jeans trug. Was hätte er ohne das Hemd getan? Sein T-Shirt ausgezogen? Oder gar nicht erst das Angebot gemacht für einen Aufenthalt am Fluss? So wie er daherkam machte er keine schlechte Figur. Vielleicht hätte er das T-Shirt ausgezogen und seinen Oberkörper gezeigt. Nein. Hätte er nicht. Sie suchten sich einen Platz etwas oberhalb des Kieses auf dem Ufergrasstreifen. Er sah nicht schlecht aus, Mitte vierzig schätzte ich. Seine Begleitung ähnlichen Alters, in einer leicht transparent unterfütterten Kombination aus schwarzem Rock etwas über knielang und nach unten etwas weiter werdend, und schwarzer Bluse. Auf ihre Schuhe achtete ich nicht, aber auf ihr Gesicht. Etwas rundlich, wie auch die Figur, etwas Apartes darin, Brillenträgerin. Sympathisch. Schräge Nähte verbanden die einzelnen Teile ihres Rockes und muteten leicht alternativ an. „First Date“ dachte ich, „Blind Date“ vielleicht sogar. Wegen ihres Parfums. Es schien mir ein bisschen zuviel, zuviel des Guten, in der Aufregung vielleicht den Zerstäuber einen Hauch zu tief gedrückt und schon ist es geschehen. Ein leichter Parfumschleier. Würde mich eher auf Distanz halten als in die Nähe locken.
Bestimmt sieben Zwanzig Euro und ein paar Fünfzigeuroscheine lagen knapp neben meinem Kopf, er war kurz in die Hocke gegangen, um die Distanz ein wenig zu verringern, erhob sich beim Sprechen allerdings wieder und ließ die Scheine einfach liegen. Die Flasche stand auf meiner Bauchhöhe knapp unterhalb meiner nackten Brüste. Ich hatte die Brille noch auf und das Buch noch in der Hand gegen die Sonne, das eine Bein mittlerweile angezogen. Er habe Probleme mit dem Magen und da würde Wasser helfen. Natürlich. Hatte er tatsächlich daran gedacht, mir zwanzig Euro für einen viertel Liter Leitungswasser zu geben? Im Ernst? Nein, abkaufen könne er es mir nicht, aber einfach trinken. Er nahm kurz die Scheine auf, ob ich wirklich nichts dafür haben wolle? Nein. Es sei schon gut so. Er legte die Scheine wieder auf den Kies. Er dachte einfach nicht an möglichen Wind, das fand ich bemerkenswert. Er dachte wohl nur an seinen Magen und irgendwelche Schmerzen, bei denen schon das Durchfließen von Wasser Abhilfe schafft. Er schaute die halbvolle Flasche an. Es war nicht mehr das Markenwasser darin, ich hatte aus der Leitung nachgefüllt, aber das sagte ich nicht. „Ich trinke das jetzt recht schnell aus,“ sagte er, als sei mir an langsamen Trinken seinerseits gelegen. „Kein Problem. Schön, wenn einfaches Wasser so helfen kann,“ sagte ich. Er stand und trank in mehreren Schlucken. „Und Sie wollen wirklich nichts dafür?“ „Ich könnte gar nicht wechseln „ gab ich zur Antwort. Zwischen den letzten Schlucken fragte er seine Begleiterin, ob sie Kleingeld habe. Nein. Aber eine Kreditkarte. Das war nicht wirklich lustig und mir fiel nichts dazu ein. Er stellte die Flache zurück, und sagte noch etwas wie: „wenn Sie mal was brauchen werden Sie es bekommen. Sie haben die richtige Einstellung. Sie wissen was ich meine?“ Ich nickte. Die Flasche ließ er liegen, nicht aber das Geld. Dann schoben sich leichte Wolken vor die Sonne und es wurde kühl.